NEUE ENTWICKLUNGEN IN DER CITY.NORD

2010, als Essen den Titel Kulturhauptstadt Europas trug, haben Künstlerinnen und Künstler ein leerstehendes Bürogebäude in der Nähe des Rathauses einen Tag symbolisch besetzt, um auf ihre Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Die City Nord liegt nur einen Steinwurf weit davon. Mit dem Bau des Einkaufszentrums Limbecker Platz stieg die Wahrscheinlichkeit, dass kaum mehr Angebote des Einzelhandels die City.Nord als Einkaufsviertel wieder beleben können. Dass das Quartier in der Folge als Potenzial für Arbeits- wie Präsentationsraum von Kreativen „entdeckt“ wurde, ist eine Chance für künftige Entwicklungen des Quartiers, insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir in Essen auf eine langjährige Designgeschichte zurückblicken können: Die Folkwang Universität der Künste, das Designzentrum NRW, der Red Dot Award, das Museum Folkwang mit dem Deutschen Plakatmuseums und die junge Hochschule für Bildende Künste in Kupferdreh sind Wegmarken der Kulturgeschichte in unserer Stadt.
Die Kreativ- und Kulturwirtschaft ist volkswirtschaftlich betrachtet etwa zwischen der Auto- und der Chemieindustrie positioniert – eine bedeutende Branche. 2008 betrug ihr Umsatz 132 Milliarden Euro. Ca. 238.000 Unternehmen mit knapp einer Million Erwerbstätigen sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig. Ca. 90 % sind Klein- bzw. Kleinstbetriebe mit max. 10 Beschäftigten
Ziel für die City Nord ist es, insbesondere jungen Kreativen Leerstände als Produktions-, Präsentations- und Verkaufsräume zur Verfügung zu stellen und so der City.Nord eine neue Identität und mehr Aufenthaltsqualität zu verschaffen. Damit gab es aber auch die Frage, ob die nördliche Innenstadt überhaupt die erforderlichen Voraussetzungen und Potentiale hat. Mit Unterstützung des VHW (Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung) und seiner Sinus-Milieu-Studien konnten wir zeigen, dass große Chancen bestehen, wenn Essen sich nicht an anderen Kreativquartieren orientiert, sondern einen eigenen Weg findet. Das bedeutet vor allem das Zusammenwirken von verschiedener Interessen, die der Entwicklung im Kreativquartier City eine eigene Dynamik verleihen. Das beste Beispiel ist das 3D-Druckzentrum im Atelierhaus an der Schützenbahn.
Zentrale Aufgabe für das Quartier City.Nord wird es künftig sein, die Entwicklung des Kreativquartiers mit der Sozialraumentwicklung zu verbinden und Wohnen, Arbeiten, Kaufen wieder stärker im Quartier zu etablieren.
Kulturbüro und Kulturdezernat haben inzwischen ihre Arbeit neu ausgerichtet im Sinne eines ganzheitlichen Kulturverständnisses: Wir setzen konsequent auf die Verbindung von Kunst, Kreativität und Stadtentwicklung bei der Entwicklung der Kultur unserer Stadt. Das ist im Kern auch der Gedanke des Gründers des Museums Folkwang: die Künste sollen sich aufeinander beziehen, Kunst und Kultur müssen sich im Alltag wiederfinden und Bezüge herstellen. Die „schwierige“ architektonische und topographische Struktur des Quartiers City.Nord ist in diesem Sinne weniger eine Herausforderung als eine identitätsstiftende Chance für die Stadt Essen insgesamt. Das wirkt sich auch auf anliegende Stadtquartiere wie z.B. das Eltingviertel aus: Die VONOVIA hat dort kostenlos 5 Wohn- und Arbeitsateliers für Kreative zur Verfügung gestellt, die mit den Bewohnern des Viertels Impulse für das Quartier entwickeln. Solche Prozesse dauern lange und angesichts der Chancen für das Quartier der nördlichen City wäre es wünschenswert, sie mehr als bisher zu forcieren. Vielleicht lassen sie sich auch für die im Osten angrenzende Stadtquartiere wiederholen – wenn Partner gefunden werden.
Andreas Bomheuer